
Ein Bericht vom ersten Tag meines Fotografie Seminars in Fort Collins, Colorado. Motto des Seminars ist "Learning To See" (Sehen lernen). Der Seminarleiter ist Chris Marquardt aus Tübingen, Germany. Insgesamt sind wir 14 Teilnehmer (2 Frauen, 12 Männer). Wenigstens drei der Teilnehmer sind professionelle Fotografen, und die meisten sind mit ganzen Koffern voll von Fotoequipment angereist. Alle fotografieren digital.
Anstatt einer Vorstellungsrunde ("Hallo, ich bin der John aus San Francisco ..."), schickte uns Chris zu Anfang des Kurses mit den Kameras auf die Strasse, und gab uns eine Stunde Zeit um in Fort Collins ein Bild zu schiessen, mit dem wir uns der Gruppe vorstellen wollen.

Ich machte mich auf den Weg zum Wochenmarkt und suchte mir die nebenstehende Persönlichkeit für ein Portrait raus. Mir hatte es der Charakter des alternden Hippies angetan. Der Mann scheint in den 60er Jahren stecken geblieben zu sein. Er verdient seinen Lebensunterhalt damit, auf dem Wochenmarkt selbstgefärbte Batik-Kleider zu verkaufen.
Im Kursraum zurückgekehrt wurde dann von jedem Teilnehmer ein Bild auf einen Laptop hochgeladen (Nachbearbeitung auf dem Computer war nicht möglich), und per Projektor der Gruppe vorgeführt. Wir mussten angeben, warum wir uns gerade dieses Motiv rausgesucht haben; was wir normalerweise fotografieren; was wir ausser Fotografieren sonst so tun. Zusätzlich gab es eine Besprechung des Bildes (was ist gut an der Aufnahme, was könnte verbessert werden) in der Gruppe.
Danach gab es zwei Stunden Unterricht zum Thema Bildkomposition. Und schliesslich wurden wir, in zweier-Gruppen, nochmal auf die Strassen von Fort Collins geschickt. Diesmal war die Aufgabe, "weissende Linien" zu finden, und zu fotografieren. Ich fand diesen Hinterhof und positionierte meinen Partner Mark (aus Fort Collins), so, daß er im Zentrum der verschiedenen Linien saß.

Danach gab es wieder dasselbe Spiel: jeder Teilnehmer musste ein Bild auswählen (ich hatte insgesamt 36 Bilder für diese Aufgabe geschossen), und das Bild wurde via Projektor vorgeführt. Interessant zu sehen, wie grundverschieden jeder Teilnehmer diesselbe Aufgabe ausgelegt hat. Die meisten suchten Linien in Mauern, Gebäuden oder sonstiger Architektur. Andere fanden sie in Baumstämmen, Blumenstengeln und sogar Schatten. Die meisten suchten gerade Linien für ihr Bild. Nur einer fand einen Brunnen mit konzentrischen Granitkreisen die zu einem Wasserbecken führten.

Danach führte Chris ein paar seiner eigenen Bilder mit Linien vor. Linien die auf Motive weissen, Linien die Rahmen bilden, Linien die durch Gesten und Blickrichtungen der Fotografierten Personen etabliert wurden. Alles Ideen, auf die wir nicht gekommen waren.

Und damit zeigt sich dann die Verbindung zum Seminartitel "Sehen lernen": die weissenden Linien die ich heute gefunden habe waren schon immer da. Ich habe nur nie bewusst danach geschaut. Warum habe ich mir zu Anfang den Hippie als Modell rausgesucht, um mich mit einem Bild vorzustellen? Weil es mir Heidenspass macht, Persönlichkeiten im Bild festzuhalten. Learning to see.
Insgesamt ein sehr lehrreicher erster Tag. Morgen stehen Panoramafotografie und Studiofotografie auf dem Lehrplan. Und wenigstens eine weitere Übung.
P.S.: wer mehr Fotos von diesem Seminar sehen möchte, findet sie unter
diesem Link auf Flickr.