Der staatliche Sender RTBF wollte sich gestern abend (am 13.) wohl ein bischen einen Spaß erlauben und strahlte ein ganz besonderes Programm aus: die königliche Familie mit König Albert und Königin Paola hat überstürzt in einer Militärmaschine das Land verlassen; die Region Flandern hat ihre Unabhängigkeit erklärt; die Staatsflagge vor dem königlichen Palast ist eingezogen; der Staat, das Königreich Belgien ist aufgelöst.
Schön realistisch gemacht: echte Filmaufnahmen waren zusammengeschnitten, aus dem Zusammenhang genommen, und in diese "Liveübertragung" klever eingebaut worden. Interviews von echten Journalisten mit echten Politikern wurden abgespielt, die (scheinbar) dieses Ereignis kommentierten (auch wenn die Politiker tatsächlich in einem ganz anderen Zusammenhang sprachen). Bekannte Moderatoren führten durch die Sendung. Live wurden Interviews mit Passanten eingespielt: weinerlich, die Anhänger der Monarchie; jubelnd, teils militant die nach Unabhängigkeit strebenden Flamen aus der Region Antwerpen die das alles gar nicht schnell genug glauben konnten. Alles passte zusammen.
Es stimmte zwar nicht, aber noch heute scheinen sich zehntausende noch nicht sicher zu sein, ob die Meldung tatsächlich nur ein Scherz war. Alle belgischen Tageszeitungen machen mit Schlagzeilen auf wie "Unser Land gibt es wirklich noch, wirklich!". Das Büro des Königs (der tatsächlich nur beim Abflug zu einer Urlaubsreise gefilmt wurde) wird mit Anrufen überhäuft, die ihn zur Rückkehr nach Belgien auffordern. Das Büro des Ministerpräsidenten Verhofstadt musste heute seine Telefonleitungen sperren, weil tausende anriefen und ihn entweder aufforderten, die Teilung des Landes zurückzunehmen, oder ihn für seine Einsicht gratulierten, weil wir ja nun endlich diese Wallonen, oder diese Flamen, los sind. Die Botschafter von sage und schreibe 4 diplomatischen Vertretungen Belgiens (darunter die UN Vertretung) haben angeblich beim Außenministerium angerufen um sich bestätigen zu lassen, daß es ihr Land tatsächlich noch gibt. Es ist ein Zirkus.
Viele beschweren sich über den schlechten Geschmack von RTBF die sich so ein Programm erlaubt haben. Ich allerdings habe in dieser Affäre höchsten Respekt vor dem Mut dieses Senders gewonnen. Wir haben es selbst gesehen: in diesem Land leben 5,000,000 Flamen, 5,000,000 Wallonen, und nur ein Belgier (der König). Kein anderer Einwohner definiert sich als Belgier. Man ist entweder Flame, oder Wallone. Wenn man Flame ist, hält man im Tennis für Kim Clijsters. Wenn man Wallone ist, drückt man Justine Henin-Hardenne die Daumen. Wenn eine dieser Damen aus dem Turnier ausscheidet, favorisiert man die Williams Schwestern, oder wen auch immer, nur nicht die andere Belgierin.
So lange wir noch keine der Landessprachen beherrschten hatten wir an unserem Haus in Wemmel im Norden wallonische Nachbarn, und im Westen flämische. Sobald wir flämisch gelernt haben, sprachen unsere nördlichen Nachbarn nicht mehr mit uns.
Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis dieses Land auseinanderbricht. Wenn der sehr beliebte Albert einmal vom Tron abtritt, und sein Nachfolger unbeliebt bleiben sollte (und danach sieht es aus), ist die einzige Institution zerbrochen, die dieses Land noch etwas zusammenkittet.
Die Sendung von RTBF hat diese Stimmung mehr als deutlich gemacht. In welchem anderen Land könnte man es sich vorstellen, daß nach einer Unterhaltungssendung der Botschafter in New York bei seinem Chef anruft und fragt "Gibt es uns wirklich noch?".
Donnerstag, 14. Dezember 2006
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